Die Schaffhauser Künstlerin Linda Graedel und der Musiker Thomas Silvestri gehen neue Wege und fesselten das Publikum im Rahmen des Projekts «Kulturdigital» via Livestream mit Jazz-Painting.

von Jurga Wüger

Die Malerin Linda Graedel und der Jazzpianist Thomas Silvestri aus Schaff­hausen sind seit Jahren befreundet und wollten in der Corona-Quarantäne-Zeit ein neues Projekt, inspiriert vom Projekt «Kulturdigital» vom Kulturraum Schaffhausen, wagen. Am vergangenen Donnerstag war es soweit. Kurz vor 20 Uhr hiess es bei den Zuschauerinnen und Zuschauern zu Hause: Computer starten, die Facebook-Seite von Kulturraum Schaffhausen aufrufen und warten, bis es losgeht. Vier Minuten vor 20 Uhr füllte sich der virtuelle Raum mit 32 Zuschauerinnen und Zuschauern. Das konnte jeder in der linken Ecke des Bildschirms mitverfolgen. Doch bevor es an den Start gehen konnte, kam es zu einer technischen Panne. Schnelle Reaktion mit sich Neu-Einwählen war angesagt, wenn man die Begrüssung von Thomas Silvestri noch erleben wollte. Auf seinem Klavier stand ein weiterer Bildschirm. Hier waren ein weisses Blatt Papier und die malenden Hände von Linda Graedel zu sehen. Mit Stücken wie «A Gentle Smile», «Thinking of Monk» oder «Ballad of Hope» packte Thomas Silvestri das Publikum. Bravo-Rufe und klatschende Emoji-Hände füllten den Chat. «Travelling mit den Fingern auf den Tasten ist noch erlaubt», schrieb Katharina Furrer.

In 20 Minuten fünf Zeichnungen

Im Livestream auf Facebook spielte der Pianist weitere Stücke, vier davon waren Eigenkompositionen. Die Künstlerin Linda Graedel liess sich von seiner Musik inspirieren und überführte die Töne in Farben und Formen. Dabei entstanden in 20 Minuten fünf energiegeladene und filigrane Zeichnungen. Die Jazzstücke wie auch die Zeichnungen haben keinen direkten Bezug zum Coronavirus. «Die Corona-Krise fliesst nicht in meine Musik», so Silvestri. Für die Zeichnerin Linda Graedel bestand die grösste Herausforderung darin, für jedes Stück, das Thomas Silvestri spielte, die passende Maltechnik zu finden. «Ich wählte verschiedene Papiere, Kreide, Blei, flüssiges Öl und Wachs, um gut vorbereitet zu sein. Wie für eine Operation. Diese Herausforderung – es ging alles sehr schnell – hat mir grossen Spass gemacht. Die Musik von Thomas ist inspirierend. Ich freue mich sehr, dass wir dies trotz der Quarantäne gemeinsam erleben konnten.»

Kunstschaffende räumlich getrennt

Die grösste Schwierigkeit des Auftritts war technischer Natur. Die beiden Kunstschaffenden durften sich nämlich nicht im gleichen Raum aufhalten. «Wir haben getüftelt und lange überlegt, wie wir das technisch umsetzten können», sagt Silvestri. Er schätzt das Projekt vom Kulturraum Schaffhausen als «eine schöne Abwechslung und eine gute Möglichkeit für Kulturschaffende, präsent zu bleiben». Zudem kann der Auftritt beliebig oft angeschaut werden. Und erst noch, ohne dass Eintritt bezahlt werden muss. Wer trotzdem ein «Ticket» aus Solidarität kaufen möchte, kann dies aus freien Stücken auf der Internetseite https://kulturraum.sh tun. Der gesammelte Spendenbetrag wird unter den Kulturschaffenden aufgeteilt, die sich für einen Livestream angemeldet haben.

Zusagen für die kommende Woche

Ideengeberin für «Kultur digital» und Projektleiterin des Kulturraums Schaffhausen ist Afrodite Gatzka von der Kulturförderung Schaffhausen. «Als plötzlich alle Veranstaltungen abgesagt wurden», sagt sie, «mussten wir uns etwas Neues einfallen lassen. Etwas mit wenig Aufwand für alle Beteiligten.» Die Plattform Kulturraum Schaffhausen bietet mit dem Projekt «Kulturdigital» den Kunstschaffenden der Region Schaffhausen eine Auftrittsmöglichkeit, die überdies mit 300 Franken vergütet wird. Der Kanton und die Stadt Schaffhausen beteiligen sich mit je 150 Franken daran. Die Auftritte dauern mindestens zehn Minuten. Die meisten von ihnen bringen es auf rund 30 Minuten. Afrodite Gatzka freut sich: «Bis jetzt läuft es super. Wir haben schon Zusagen für die kommende Woche.»

Anhaltend gute Laune bekommen

Gestartet wurde dieses Projekt vor neun Tagen mit einer Lesung des Krimiautors und Regisseurs Walter Millns aus Schaffhausen. Er sagt: «Das war neu für mich und hat mir sehr gut gefallen. Während der ersten paar Worte der Lesung dachte ich noch, mir fehle der direkte Kontakt zum Publikum. Dem war aber nicht so. Es hat einfach Spass gemacht. Und danach hatte ich eine anhaltend gute Laune.» Auch der Mundart-Liedermacher Christoph Bürgin hat bereits ein Konzert gegeben. Wie auch der Pianist Joscha Schraff begeisterte er sein virtuelles Publikum. Und am 1. April wurde es dann sogar «magisch» mit dem Zauberer Lorios.

Einen gewissen Charme

Dass Kultur aus dem Internet einen gewissen Charme hat, bestätigt auch der Kulturbeauftragte der Stadt Schaffhausen, Jens Lampater. Er steht, wie auch Stadtrat Raphaël Rohner, «voll und ganz» hinter diesem Projekt des Kulturraums Schaffhausen.

Und obwohl es gewöhnungsbedürftig ist, mit klatschenden Emoji-Händen statt mit tosendem Applaus für den Auftritt zu danken, überzeugen die Schaffhauser Kunstschaffenden mit diesen Auftritten auf Facebook sowie mit der Bereitschaft, neue Wege zu gehen. Für heute ist ein Konzert des Musikers Matthias Meier in der Fassbeiz angekündigt: Zeit zum Einschalten ist um 20 Uhr.